Favelas
Schon auf dem Weg vom Flughafen zum Hotel werden Sie eine große Anzahl dieser illegal errichteten Viertel sehen können. Seit den fünfziger Jahren begann die Verslummung großer Gebiete, mittlerweile sind fast alle Hügel und Berge von illegal errichteten Siedlungen bedeckt.
Favelas entziehen sich in vieler Hinsicht der offiziellen Staatsgewalt, jedoch herrscht in ihnen kein Machtvakuum. Eher das Gegenteil ist der Fall. Comando Vermelho, Amigos dos Amigos, Terceiro Comando und wie sich Anfang 2006 offiziell herausgestellt hat die Polícia Militar, halten die Zügel fest in ihrer Hand. Sei es nun Drogenhandel oder Schutzgelderpressung im Falle der Polícia Militar - es ist auch nicht so, das die Polizei nicht genau wüßte, wer welche Rolle spielt und wo man ihn findet. Leben Rio bedeutet, alltäglich um das eigene Überleben zu kämpfen. Die Polizei wird miserabel bezahlt und für ein Gehalt, das nicht einmal für die Miete reicht, setzt keiner sein Leben aufs Spiel. So kommt es dann auf zu scheinbar absurden Situationen: Drogen werden auf offener Straße verkauft, einen Steinwurf von der Polizeistation entfernt und es geschieht - nichts. Beziehungsgeflechte sind oft kompliziert, die Grenze zwischen legal und illegal unscharf, sofern man Sie überhaupt noch erkennen kann.
Viele Dinge sind schwer in allgemeingütlige Aussagen zu fassen. Zum Einflußbereich des Comando Vermelho zu gehören kann heißen, das wichtige einflußreiche Personen eher mit letzterem sympathisieren, aber im Grunde doch eine eigene "Politik" fahren. Besitzverhältnisse ändern sich durch gewaltvolle Übernahmen. Der Unterschied zwischen Bürgerkrieg und diesen ist verschwindend gering. Aus diesem Grund sind Aussagen über die generelle Sicherheit - für Nichtanwohner oder Touristen - in einer Favela schwer möglich. Wenn es gerade gefährlich ist, werden Sie nicht hereingelassen. Vidigal, Rocinha oder Pavão in der Zona Sul sind beispielsweise problemlos, wenn nicht gerade Auseinandersetzungen anstehen. In bestimmte Favelas der Zona Norte jedoch werden sie als Gringo nicht erst hineinkommen.
Auf der anderen Seite gilt für Sie als Besucher: sie haben überhaupt keine Probleme mit Taschendieben und Kleinkriminellen. Wenn Sie ihre Digitalkamera vergessen, ist diese auch eine Stunde später noch da, wo sie liegenblieb. Kleinkriminalilät wird nicht geduldet, Sie als potentieller Konsument und Gast sind sicherer, als in Leblon auf der offenen Straße. Nur beim Eintritt und beim Verlassen einer Favela sollten Sie darauf achten, das Ihnen niemand folgt und zudem damit rechnen, das Sie durch die Polizei durchsucht werden.
Letzlich ist auch das Klischee, das Favelas Horte von Verzweiflung und Traurigkeit sind, schlicht falsch. Eine Vielzahl von Personen, die Sie im Alltag treffen - sei es ihre Putzfrau, der Busfahrer oder der Kellner - wohnen in einer Favela. Keine Steuern, Gebühren für Wasser, Strom und ein starkes Zusammengehörigkeitsgefühl sind positive Aspekte. In einem problematischen Stadtteil zu wohnen ist in fast allen Aspekten nachteilhaft - es gibt keine Sicherheit, wenn Sie aus ihrer Wohnung gehen und im Gegenzug hohe Mieten.
