Einkaufen und Geld
Während man in Deutschland um die Aufmerksamkeit von Verkäufern regelrecht kämpfen muss, ist dies in Brasilien nicht notwendig. Hier wird der Kunde nach Eintritt ins Geschäft schon fast zur erweiterten Familie gerechnet und zum nächsten Grillfest eingeladen - zumindest für die Dauer des Einkaufs. Einige typische Eigenheiten werden Ihnen wohl sehr schnell auffallen - vielleicht sollte man einfach zwei kleine Beispiele aus dem Leben greifen, um sie zu illustrieren:
An die Kasse!
Wir befinden uns in einem Schreibwarenladen - "Papel e Picado" im Shopping-Center Rio Sul. Gewünschtes Produkt: Klebeband, einseitig. Schon kurz nach dem Eintreten wird man von einem der vielen Verkäufer gefragt, ob er denn helfen könne. Trainiert als souveräner Einkäufer, der zudem schon das Wunschprodukt erspäht hat, lehnt man dankend ab. Eine kleine Weile steht man vor der Auswahl an Klebebändern, bis man schließlich seinen Favoriten gefunden hat. Ab zur Kasse, die sich im hinteren Teil des Geschäftes befindet. Ein kurzes "Hallo" zur Kassiererin, das Geld aus der Tasche geholt und bereit zur Bezahlung.. Stop.
Die Verkäuferin hat ein Problem. Etwas Wichtiges fehlt. Eine Kollegin wird losgeschickt, diese holt sich einen der Verkäufer, dieser wiederum stellt einen Bon für das Klebeband aus. Klebeband und Bon Nummer eins gehen an die Kasse, die Kassiererin stellt Bon Nummer zwei aus und man bezahlt. Die Erklärung für die vielen Verkäufer ist also einfach. Sie arbeiten auf Provision, daher muß jeder Gegenstand erst von ihnen mit einem Bon versehen werden, der dann an der Kasse weiterverarbeitet wird.
Viele große Ketten, wie zum Beispiel Lojas Americanas, ordnen ihre Kassen übrigens etwas anders an als gewohnt. Es gibt nur eine Schlange, fila unica nennt man dies, und eine lange Reihe von Kassen. Man sieht natürlich nicht gleich, welche frei ist, sodaß man alle halbe Minute den Ruf "caixa livre" vernimmt.
Das liebe Wechselgeld
Wenn man über Kassen spricht, sind "Bezahlen" und "Wechselgeld" gedanklich nicht weit entfernt. Ein Einkauf in einer kleinen Filiale der zuvor erwähnten Lojas Americanas, diesmal in Copacabana. Summe der Preise der mit Kaufabsicht zur Kasse verlagerten Waren: 12 Real. Darunter, für die Detailversessenen: Kugelschreiber und ein Schreibblock. Zahlungsmittel: ein 50 Real-Schein.
Die Kassiererin nimmt den Schein entgegen. Sie gibt aber nicht das Restgeld heraus, sondern bittet zur etwas weiter links gelegenen Kasse. Der Schein kann anscheinend nicht an Ort und Stelle gewechselt werden. Seltsam. Die Kassiererin Nummer 2 kann einen Zwanziger zu den drei Zehnern beisteuern, die die Kassiererin 1 schon in der Hand hält. Aber so einfach geht es nicht. Zuerst wird ein Reservebündel von 1 Real-Scheinen hervorgesucht und aus der Plastikfolie ausgepackt, und dann zwei Mal eine Summe von etwas über 50 Real durchgezählt. Ein beiläufiger Blick auf den Kassenbon. Ach ja, man wollte ja eigentlich Wechselgeld geben. Einen 10er, einen 20ger und einige Einzelnoten später begibt man sich auf den weiteren Weg.
Dies ist bei weitem kein seltener Einzelfall. Manchmal müssen die Kassiererinnen bei jedem zweiten Kunden eine Kollegin rufen, die Kleingeld heranbringt.
Nur Bares ist Wares
Durch die notorische Zahlungsunwilligkeit brasilianischer Schuldner bedingt, ist in einigen Fällen das Bezahlen mit Kreditkarte sehr ... kompliziert. Wer in einem der vielen Reisebüros einen Ausflug bucht, muß unter Umständen Kopien der Kreditkarte, eine unterschriebene Erklärung mit Kartennummerund Sicherheitsnummer und Kopien des Reisepasses hinterlassen. Zusätzlich bezahlt man eine Bearbeitungsgebühr. Abgesehen davon, das ihre Bank/Kreditkartenfirma wahrscheinlich jetzt einen Herzinfarkt bekommen würde, ist es allein aus Zeitgründen schon besser, in diesem Falle doch Bargeld abzuheben.
